Steinzeitdiät/-ernährung

 

Die Steinzeitdiät (Paleo diet) wird als die artgerechte Ernährung des Menschen beschrieben. Ausgangspunkt ist die These, dass die “optimale“ Ernährung des Menschen aus den Lebensmitteln bestehen sollte, die die Urmenschen verzehrt haben. Hierzu zählen z.B. Früchte, Nüsse, (Wild)Fleisch und Fisch.

Grundthese der Steinzeitdiät/-ernährung:

Die Erforschung der Ernährungsweise des Menschen in der Steinzeit ist nicht nur von historischem Wert. Mit einem evolutionstheoretischen Ansatz wird versucht ernährungs­wissenschaftliche Problemstellungen zu lösen. Die zentrale Vorstellung besteht darin, dass die optimale Ernährung des Menschen gleichsam die artgerechte Ernährung darstellt.

Nur hieran habe sich der Mensch im Laufe der Evolution (genetisch) angepasst.

Logischerweise setzt sie sich aus den Lebensmitteln zusammen, die die ersten Menschen der Spezies Homo sapiens gegessen haben. Diesen so genannten paläolithischen Lebensmittel z.B. Früchte, Nüsse, Samen, Wildfleisch, Fisch – stehen die nicht paläolithischen Lebensmittel wie z.B. Milch und Milchprodukte, Getreide, Speiseöle oder Salz gegenüber, die wenig bzw. gar nicht verzehrt werden sollten.

Dieser evolutionsbiologische Ansatz ergänzt die üblicherweise ange­wandten Methoden aus den Bereichen der Epidemiologie, Physiologie, Biochemie und der Molekularbiologie. Demzufolge soll die im Paläolithikum praktizierte Ernährungsweise als “Entscheidungshilfe für die Aufstellung von Empfehlungen für eine vollwertige Kost“ dienen.

Populär wurde die Steinzeitdiät in Deutschland vor allem durch die Publikationen des Ernährungswissenschaftlers Nicolai Worm, in Amerika durch die Studien des Ernährungsepidemiologen Willett.

Ernährung in der Steinzeit:

Das erstmalige Auftreten des Homo sapiens wird auf einen Zeitraum vor rund 400.000 Jahren datiert. Er lebte bis vor rund 10.000 Jahren, also in der Altsteinzeit, überwiegend als Jäger und Sammler.

Angaben über seine Ernährungsweise gründen unter anderem auf der Nahrungsanalyse heutiger Naturvölker (Jäger und Sammler), anato­mischen und physiologischen Veränderungen während der Evolution des Menschen und auf Analysen verschiedener Stickstoff- und Kohlenstoff­isotope in Knochenfunden.

Nährstoffe:

Nach diesen Studien unterscheiden sich die in der Steinzeit aufge­nommenen Nährstoffe quantitativ erheblich von den heute ermittelten Ist- und Sollwerten für die Nährstoffaufnahme. Auffallend sind der hohe Proteinanteil und der relativ niedrige Kohlenhydratanteil der Kost. N. Worm hält folgende Nährstoffrelation für charakteristisch:

Infolge der in der Steinzeit typischen Ernährungsweise ist auch die Auf­nahme der Mineralstoffe Calcium, Eisen, Kalium, Magnesium und Zink deutlich höher als in der heutigen Zeit.

Der P/S-Quotient (Verhältnis von mehrfach ungesättigten zu gesättigten Fettsäuren) lag deutlich höher als zurzeit, das Verhältnis von Omega-6 zu Omega-3 Fettsäuren betrug wahrscheinlich 1 : 1. Auch die Zufuhr an Ballaststoffen und einigen Vitaminen wie Folsäure und Vitamin C war vermutlich deutlich höher.

Lebensmittel:

Diese Daten ergeben sich aus den typischerweise verzehrten Lebens­mitteln. Etwa 1/3 der Kost bestand nach Eaton et. al. aus den tierischen Lebensmitteln Fisch und Wildfleisch. Kohlenhydrate wurden vermutlich primär in Form von Gemüse und Früchten gegessen. Getreide hatte nur einen unbedeutenden Anteil an der täglichen Kost, nicht zuletzt weil Getreide erst mit der Zeit von Ackerbau und Viehzucht vor rund 10.000 Jahren zu einem Grundnahrungsmittel des Menschen wurde. Die Kartoffel war nur in Südamerika bekannt. Auch Milch wurde nach dem Abstillen nicht mehr verzehrt. Nüsse und Samen waren wichtige Fett- und Proteinquellen.

Ein zentraler Punkt der Steinzeitdiät wie sie von Worm empfohlen wird, ist die Beachtung des Glykämischen Index/ der glykämischen Last bei Kohlenhydrathaltigen Lebensmitteln. Der glykämische Index ist ein Maß für die Blutzuckerwirksamkeit eines Lebensmittels. Lebensmittel mit einem hohen glykämischen Index werden zunehmend mit Übergewicht, einem erhöhten Herz-Kreislauf- und Diabetesrisiko in Verbindung gebracht. Generell weisen Getreideprodukte und Kartoffeln einen relativ hohen glykämischen Index auf.

Kritik an der Steinzeiternährung:

Eine Ernährungsform ist nicht deshalb gesund, weil der Organis­mus an diese im evolutionsbiologischen Sinne angepasst ist.

Die “natürliche Selektion“ wirkt nicht – wie häufig fälschlich behauptet – in der Weise, dass eine optimale Anpassung der Organismen erfolgt. Viel­mehr ist der evolutive Prozess als Kompromiss aufzufassen. Gene, die den Reproduktionserfolg steigern, werden sich auch dann innerhalb einer Population durchsetzen, wenn sie mit Nachteilen für das einzelne Individuum verbunden sind. Umgekehrt ist davon auszugehen, dass Gene, die die reproduktive Kapazität negativ beeinflussen, auch dann via Selektion eliminiert werden, wenn diese gleichzeitig die individuelle Gesundheit bzw. die Lebensdauer eines Organismus verbessern. Mit anderen Worten: “Optimale Gesundheit“ ist kein Selektionskriterium; was zählt, ist allein der Fortpflanzungserfolg.

Die “paläolithische Ernährung“ ist ein reines Abstraktum, das es weder gab noch gibt.

Die Ermittlung und Definition der paläolithischen Ernährung ist mit erheb­lichen Problemen behaftet und wirft eine Reihe prinzipieller Fragen und Probleme auf. Tatsächlich, das zeigen sowohl ethnographische als auch archäologische Untersuchungen, variiert das Ernährungsverhalten von Sammler- und Jägergemeinschaften erheblich in Abhängigkeit von den jeweiligen zeitlichen und lokalen Gegebenheiten. Während manche Populationen, wie z. B. die grönländischen Inuits oder die sibirischen Evenkis, vorwiegend Lebensmittel tierischen Ursprungs verzehren, konsumieren andere Völker wie z. B. die Kung große Mengen an Wild­pflanzen. “Je nach Ökosystem, in dem die Völker siedelten, wechselten sich überwiegend pflanzlich ernährte Populationen mit solchen ab, die fast nur Tierisches aßen.“

Diese Varianz im Nahrungsverhalten spiegelt sich auch in der breiten Streuung der Nährstoffrelation wider, die sich bei Protein im Bereich von 19–35 Energieprozent bewegt und bei Kohlenhydraten zwischen 22–40 Energieprozent liegt.

Die Tatsache, dass bei allen Jäger- und Sammler-Gruppen, gleich welchem Ernährungsmuster sie auch immer folgen, chronisch-degenerative Erkrankungen äußerst selten zu beobachten sind, ist nicht eine notwendige Folge ihrer jeweiligen paläolithischen Kost.

Unter energetischen Gesichtspunkten betrachtet besteht das gemein­same präventive Potenzial derart unterschiedlicher Kostformen in der knappen Energiezufuhr bei gleichzeitig hohem Energieumsatz.

Solange die Energiezufuhr knapp bzw. der Energieverbrauch hoch genug ist, scheint die Frage nach den Anteilen vom Tier stammender und pflanz­licher Lebensmittel bzw. die Nährstoffrelation offenbar von unter­geordneter Bedeutung zu sein.

Literatur: