Appetitzügler

 

Appetitzügler (Anorektika) sind Arzneimittel, deren Wirkprinzip in einer den Appetit mindernden Wirkung liegt. Sie enthalten verschiedene Wirkstoffe, die im Gehirn bzw. im nervösen System angreifen. Appetit­zügler im engeren pharmakologischen Sinn sind verschreibungs­pflichtige Medikamente.
Im weiteren Sinne werden auch freiverkäufliche Mittel auf pflanzlicher oder auf homöopathischer Basis als Appetitzügler auf dem Markt angeboten.

Rechtlicher Status von Appetitzüglern:

Da die Einnahme von Appetitzüglern mit Wirkung auf das Gehirn und die Stimmung einen gravierenden Eingriff in den Körper darstellt, sind sie verschreibungspflichtig und dürfen nur unter ärztlicher Kontrolle ange­wendet werden. Die Kosten werden von den gesetzlichen Kranken­kassen nicht übernommen.
Wie auch andere verschreibungspflichtige Arzneimittel werden Appetitzügler im Internet angeboten. USA und Japan beispielsweise erlauben Verbrauchern, verschreibungspflichtige Medikamente legal zu importieren, vorausgesetzt, sie sind für den persönlichen Gebrauch und nicht für den Weiterverkauf bestimmt.

Unterteilung der Appetitzügler:

Chemisch lassen sich die bisher auf dem Markt befindlichen Appetitzügler in zwei Gruppen unterteilen, die beide am zentralen Nervensystem wirken:

1. Amphetaminderivate

Amphetaminderivate wurden besonders in den sechziger Jahren vermehrt zur Hemmung des Appetits eingesetzt. Amphetamine wirken appetithemmend und stimulierend auf das zentrale Nervensystem (ZNS). Ein längerer Gebrauch führt zu schweren Suchtformen, die durch starke psychische Abhängigkeit gekennzeichnet sind. Die Amine der Amphetamine können die Blut-Hirn-Schranke überwinden und verursachen eine Ausschüttung von Noradrenalin und Dopamin. Diese Ausschüttung verursacht neben der Appetithemmung: Euphorie, erhöhte Aktivität, gesteigerte Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit, motorische Unruhe, Anstieg des Blutdrucks, gesteigerte Erregbarkeit, bis hin zu Angst- und Spannungszuständen.

Durch die Synthese von Derivaten hatte man gehofft, Appetitzügler ohne diese Suchtkomponenten zu erhalten. Allerdings stellten sich bei nahezu allen Substanzen eben genau die obigen Suchtphänomene ein. Mit der Zeit verschwanden daher so gut wie alle Derivate wieder vom Markt. In den USA, Österreich und der Schweiz sind jedoch noch einige Derivate im Handel. Ob dies jedoch noch länger der Fall sein wird, erscheint fraglich, denn der Wirkstoff Phentermin ist Bestandteil des in den USA vertriebenen Appetithemmers "Fen-Phen", der als Gegenstand der oben erwähnten Studie dafür verantwortlich gemacht wird, dass es bei einigen Probanden zu Herzklappenveränderungen kam. In Deutschland ist Phentermin bereits seit Anfang der siebziger Jahre nicht mehr zugelassen.

Gebräuchlich ist zudem der Wirkstoff Amfepramon, Handelsnamen von Medikamenten, die diesen Wirkstoff enthalten sind z. B. Tenuate® oder Regenon®.

Serotoninerge Substanzen

Aus dieser Gruppe sind vor allem zwei Substanzen von Bedeutung: Fenfluramin und Dexfenfluramin. Beide Stoffe wirken über die Veränderung des Botenstoffes Serotonin auf das Sättigungszentrum im Gehirn. Eine geringere Nahrungsaufnahme, besonders von Kohlen­hydraten, ist die Folge. Gebräuchlich war auch der Wirkstoff Sibutramin, der bis zum Jahre 2010 zur medikamentösen Behandlung der morbiden Adipositas zugelassen war. Er wurde aufgrund seiner zahlreichen Nebenwirkungen verboten. Allerdings finden Kontrolleure den Wirkstoff immer wieder in Schlankheitsmitteln, die im Internet vertrieben werden.

Sonstige Mittel mit Appetit zügelnder Wirkung:

Neben den Appetitzüglern im engeren pharmakologischen Sinne werden auch homöopathische oder pflanzliche Mittel mit einer den Hunger dämpfenden Wirkung angeboten.
Beispiele sind der Wirkstoff Madar, der in D4-Potenz im Hunger-Sättigungszentrum den Appetit vermindern soll. Handelsname ist Boxogetten H®.
Hoodia Gordonii ist ein Kaktus, aus dem eine angeblich den Appetit hemmende Substanz isoliert wurde. Präparate aus der Hoodia-Pflanze sind rechtlich gesehen Nahrungsergänzungsmittel und haben keine Zulassung als Arzneimittel. Die Wirkung beruht auf Erfahrung und ist wissenschaftlich nicht belegt.

Nebenwirkungen:

Wie jedes Medikament haben auch Appetitzügler Nebenwirkungen. Wegen ihrer aufputschenden Wirkung werden sie häufig missbraucht. In den letzten Jahren hat ihr Konsum als Begleiterscheinung der Technowelle zugenommen. In Europa und den USA wird die Zahl der Appetitzügler-Konsumenten auf 50 Millionen geschätzt. Bei den amphetaminergen Wirkstoffen werden Unruhe, Schlafstörungen, Bluthochdruck, Herzjagen, Veränderungen der Psyche, Impotenz, Schwitzen und Hautausschläge häufig als Nebenwirkungen genannt.
Das Sicherheitsrisiko von dem mittlerweile verbotenen Wirkstoff Sibutramin bezieht sich vor allem auf seine blutdruck- und herzfrequenzerhöhende Wirkung bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Wechselwirkungen

Bei amphetaminergen Wirkstoffen kann der Bedarf an blutzucker­senkenden Medikamenten (z. B. Insulin) beeinflusst werden. In Kombi­nation mit Blutgerinnungshemmern ist die Blutungsneigung erhöht.
Bei gleichzeitiger Verwendung von Schnupfen-, Erkältungs- und Asthma­medikamenten, die ebenfalls Wirkstoffe aus der Arzneistoffgruppe der Sympathomimetika enthalten, sowie bei hohen Dosen Coffein können sich die Nebenwirkungen verstärken.
Gefährliche Wechselwirkungen von Sibutramin sind möglich bei gleichzeitiger Einnahme von Psychopharmaka.

Gegenanzeigen:

Insbesondere Menschen mit Nerven- oder Stoffwechselerkrankungen und solche mit Bluthochdruck oder erhöhtem Augeninnendruck sollten auf amphetaminerge Wirkstoffe unbedingt verzichten. Weitere Gegenanzeigen z. B. von Amfepramon sind:
Überfunktion der Schilddrüse (Hyperthyreose), Angina pectoris (Herzenge), Drogen-, Alkohol- oder Arzneimittelmissbrauch in der Krankheitsvorgeschichte, gleichzeitige Einnahme von Medikamenten zur Behandlung von Depression aus der Arzneimittelgruppe der MAO-Hemmer, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzrhythmusstörungen, psychische Erkrankungen, schwer wiegende Essstörungen (Magersucht, Bulimie) in der Krankheitsvorgeschichte, Tumor, der das Hormon Adrenalin und/oder Noradrenalin produziert (Phäochromozytom).

Während der Schwangerschaft und der Stillzeit dürfen Appetitzügler nicht angewendet werden.

Empfehlungen zu Appetitzüglern:

Appetitzügler können bestenfalls unterstützend wirken, wenn zusätzlich die Ernährung umgestellt wird. Eine geringere Aufnahme von Nahrungs­energie insbesondere von Fett, und mehr Bewegung ist für eine gesunde Gewichtsabnahme unabdingbar.
Wer dennoch zu Appetitzüglern greift, muss vor und während der Behandlung vom Arzt untersucht werden. Die Einnahme von Appetit­züglern sollte auf vier Wochen beschränkt bleiben. Sie dienen nur der kurzfristigen, unterstützenden Behandlung des Übergewichts. Appetit­zügler verlieren zudem rasch an Wirksamkeit und sind allein aus diesem Gesichtspunkt kein Mittel, auf Dauer das Gewicht zu regulieren.

Literatur: