Ernährungspsychologie

 

Die Ernährungspsychologie beschäftigt sich vor allem mit „der Bestimmung und Veränderung von Verhaltensweisen und Kognitionen, die mit Krankheitsrisiken verbunden sind oder die der Gesundheitsförderung und Krankheitsbewältigung dienen“.

Grundfragen der Ernährungspsychologie:

Diese drei „einfachen“ Fragen wurden einem interdisziplinären Kreis von 52 Forschern 1975 im Rahmen eines internationalen Workshops (Dahlem-Konferenzen) gestellt. Dieser Zeitpunkt gilt als Beginn des Fachgebietes Ernährungspsychologie.

Beschreibung der Ernährungspsychologie:

Nach Pudel und Westenhöfer ist „Ernährungspsychologie ein wissenschaftlicher Beitrag der Psychologie

  1. zum Verständnis der Bestimmungsgründe des menschlichen Essverhaltens;
  2. seiner Verbreitung und seiner möglichen Gesundheitsrisiken
  3. um durch bedarfsgerechtere Ernährung die psychophysische Gesundheit zu fördern oder ernährungsabhängige Krankheiten zu bessern;
  4. Hierzu sind motivationale, kommunikative und ggf. auch therapeutische Strategien zu begründen, die verhaltenswirksam werden und
  5. die auch die Wirkungen der Lebensmittelinhaltsstoffe auf psychophysiologischer Ebene einbeziehen.“


Forschungsfelder der Ernährungspsychologie:

Epidemiologische Forschung:

Experimentelle Forschung

Klinische Forschung

Steuerung des Essverhaltens:

Primär- und Sekundärbedürfnisse
Die intensiven Körpergefühle des Hungers und der Sättigung regulieren die Nahrungsaufnahme beim Neugeborenen. Grundsätzlich gilt die Kompetenz zur bedarfsgerechten Steuerung der Nahrungsaufnahme als angeboren, nicht aber die Ausdifferenzierung in Form von Sekundärbedürfnissen, die spätestens nach dem Abstillen einsetzt. Pudel vergleicht diesen sozio-kulturellen Lernprozess mit dem Erlernen der Muttersprache. „Auch bei der Sprachentwicklung ist die Kompetenz zum Spracherwerb angeboren, nicht aber die Spezialisierung auf eine konkrete Sprache hin. Der kulturelle Geschmack wird dem Baby also gleichsam in die Wiege gelegt, aber er ist nicht von vorne herein präformiert, sondern er bildet sich durch das Hineinwachsen in die Kultur aus.“
Das menschliche Essverhalten wird grundsätzlich durch eine Fülle von sekundären Motiven gesteuert, die weitaus zahlreicher sind, als wenn nur auf die primären Motive des Geschmackserlebnisses und der Vermeidung von Hunger abgehoben wird. (siehe auch Übersicht weiter unten )

Geschmacksvorlieben
Untersuchungen über Geschmacksvorlieben zeigen, dass beim Neugeborenen eine von Lernerfahrungen unabhängige Vorliebe für den Süßgeschmack und eine Abneigung gegen die Geschmacksrichtungen salzig, sauer und bitter besteht. Erst im Laufe der ersten Lebensjahre kommt es zu einer stärkeren Akzeptanz gegenüber dem salzigen und bitteren Geschmack, die im jeweiligen kulturellen Kontext „gelernt“ wird.

Mere exposure effect
Der mere exposure effect beschreibt die Tatsache, dass sich Nahrungsvorlieben und –gewohnheiten zu einem großen Teil alleine durch Kontakt und Erfahrung mit bestimmten Speisen und Geschmacksrichtungen entwickeln (Diehl, 1991). Zwar lehnen die meisten Kinder zunächst bestimmte Lebens- und Genussmittel (z.B. Bier, Kaffee, Spargel) ab, entwickeln aber durch häufiges Probieren und aufgrund des Bedürfnisses nach sozialer Anerkennung später ähnliche Geschmacksvorlieben oder -abneigungen wie ihre Eltern bzw. Vorbilder. Besonders starke Übereinstimmungen gibt es mit den elterlichen Abneigungen, während die elterlichen Vorlieben nicht ohne weiteres übernommen werden!

Drei-Komponenten-Modell
Zur Erklärung des Essverhaltens werden drei sich überlagernde Faktoren beschrieben:

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  1. Innere Signale – dazu zählen die biologischen Körpersignale wie z.B. das Hunger oder Sättigungsgefühl
  2. Äußere Reize – dazu zählen die elterlich bzw. kulturell vermittelten Einstellungen und Bewertungen bzw. antrainierten Ernährungsgewohnheiten
  3. Kognitive Steuerung – dazu zählen alle bewusst vorgenommenen Maßnahmen zur Steuerung des eigenen Ernährungsverhaltens wie z.B. die Auswahl von Lebensmitteln nach ihrem ernährungsphysiologischen Wert oder das Einhalten einer bestimmten Diät/Ernährungsform.
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Die Wechselwirkungen dieser drei Faktoren in Abhängigkeit vom Lebensalter ist bei Pudel/Westenhöfer wie folgt beschrieben:



Gezügeltes Essen (restrained eating)

Ein bedeutender Forschungsgegenstand in der Ernährungspsychologie ist das Phänomen des gezügelten Essverhaltens.
Definition:
„Als gezügeltes Essverhalten wird ein zeitlich relativ überdauerndes Muster der Nahrungsaufnahme bezeichnet, gekennzeichnet durch eine kognitive Kontrolle und Übersteuerung physiologischer Hunger- und psychologischer Appetenzsignale, das auf eine geringere Kalorienzufuhr zum Zweck der Gewichtsreduktion und/oder Gewichtskonstanz zielt.“
Beim gezügelten Essverhalten geht es darum, die Nahrungsaufnahme einzuschränken, damit das gegenwärtige Gewicht gehalten bzw. abgenommen werden kann. Es ist ein Verhaltensmuster, bei dem die Nahrungsaufnahme durch kognitive Kontrolle und nicht durch Hunger oder Appetitsignale reguliert wird. Gezügeltes Essen kann sich in lebenslangem Diäthalten, aber auch in wiederholten Phasen kurzzeitiger Diäten äußern. Untersuchungen zeigten, dass gezügelte Esser, im Gegensatz zu ungezügelten Essern, bei negativer Stimmung dazu neigen, mehr zu essen als bei positiver oder neutraler Stimmung.
Gezügelte Esser sind jedoch keine homogene Gruppe. Nicht alle weisen Essanfälle oder andere Störbarkeiten im Essverhalten auf. Gezügeltes Essen ist weit verbreitet, schon bei Kindern gibt es Anzeichen von gezügeltem Essverhalten.
Externalität
Gezügelte Esser essen mehr, wenn die selbst auferlegte Nahrungs-beschränkung unterbrochen wird. Externalität bedeutet, dass Personen in ihrem Essverhalten stark von äußeren Reizen beeinflusst werden. Die Betroffenen können anscheinend nur schwer widerstehen, wenn sie sichtbaren Essreizen ausgesetzt werden. Innere Reize hingegen nehmen sie kaum war. Der Verlust des Appetits im Laufe einer Mahlzeit ist zeitlich stark verzögert und Stress kann zu erhöhter Nahrungsaufnahme führen. Gezügelte Esser sind sowohl unter den Adipösen als auch unter den Normalgewichtigen zu finden.
In der Adipositas-Therapie ist das gezügelte Essen ein wünschenswertes Ziel, da die kognitive Kontrolle in vielen Fällen für den Erfolg einer Gewichtsreduktion entscheidend ist. Untersuchungen zeigten, dass übergewichtige Probanden mit stark ausgeprägter kognitiver Kontrolle ihr Gewicht besonders erfolgreich reduzierten.
Auch die gezügelten Esser unter den Normalgewichtigen liegen in der Regel unterhalb ihres Setpoints. Der Begriff Setpoint bedeutet im Zusammenhang mit dem Körpergewicht, dass dieses eine „regulierte Größe“ darstellt, die vom Organismus in einem konstanten Bereich gehalten wird, ähnlich wie Blutdruck oder Körpertemperatur.
Problematisch ist die Tatsache, dass sich gezügelte Esser in einem Zustand des Energiemangels befinden, um so ihr gesellschaftlich ideales Körpergewicht zu halten. Gezügeltes Essen birgt einige Gefahren. Je stärker dieses Verhalten ausgeprägt ist, desto größere Schwierigkeiten, wie z.B. vermehrte Heißhungeranfälle, Süßhunger, können auftreten.
Außerdem scheint gezügeltes Essverhalten mit der Entwicklung von Essanfällen bei Anorexie und Bulimie in Verbindung gebracht werden
zu können.

Übersicht Motive der Lebensmittelauswahl:

Motive

Beispiele aus dem Alltag

Geschmacksanspruch

Erdbeeren mit Schlagsahne sind der höchste Genuss.

Hungergefühl

Ich habe einfach Hunger/ich muss das jetzt essen.

Ökonomische Bedingungen

Sonderangebote, das kaufe ich.

Kulturelle Einflüsse

Morgens Brötchen mit Kaffee.

Traditionelle Einflüsse

Omas Plätzchen zu Weihnachten.

Habituelle Bedingungen

Ich esse immer Suppe vor der Hauptmahlzeit.

Emotionale Wirkung

Kuchen in der Stresssituation.

Soziale Gründe

Bei Fondue lässt es sich gut unterhalten.

Soziale Statusbedingung

Die Schulzes laden wir zum Hummer ein.

Angebotslage

Man isst das Mensaessen, weil es dies gerade gibt.

Gesundheitsüberlegungen

Soll gesund sein, also esse ich das.

Fitnessüberlegungen

Soll gut fürs Joggen sein.

Schönheitsansprüche

Halte Diät, um schlank zu bleiben.

Verträglichkeit

Grünkohl vertrage ich nicht.

Neugier

Mal sehen, wie das schmeckt.

Angst vor Schaden

Esse ich nicht mehr, weil da Schadstoffe drin sind.

Pädagogische Gründe

Wenn du Schularbeiten machst, bekommst du ein Bonbon.

Krankheitserfordernisse

Zucker darf ich nicht essen, wegen meines Diabetes.

Magische Zuweisungen

Sellerie esse ich für die Potenz.

Pseuodowissenschaftlich

10 harte Eier zum Abnehmen.


Quelle: Pudel, V., Westenhöfer, J.: Ernährungspsychologie – Eine Einführung; Hogrefe Verlag für Psychologie, Seite 37


Gestörtes Essverhalten

Zu den Essstörungen zählen vor allem die Anorexia nervosa und die Bulimia nervosa. Neuerdings wird auch die Möglichkeit diskutiert, dass die Binge Eating Disorder eine eigene Essstörung darstellt. Adipositas kann mit einer Essstörung verbunden sein, ist es aber im Allgemeinen nicht.
Die Binge Eating Disorder ist gekennzeichnet durch regelmäßige Essanfälle an mindestens zwei Tagen pro Woche im Verlauf von mindestens sechs Monaten, während denen der Verlust der Kontrolle über das Essen empfunden wird. Die Essanfälle sind mit drei oder mehr der folgenden Merkmale verbunden:

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  1. Es wird wesentlich schneller gegessen als normal,
  2. es wird gegessen, bis man sich unangenehm voll fühlt,
  3. es werden große Mengen gegessen, obwohl man sich nicht körperlich hungrig fühlt,
  4. es wird allein gegessen, weil es einem peinlich ist, wie viel man isst,
  5. man fühlt sich von sich selbst angeekelt, depressiv oder sehr schuldig nach dem Überessen.
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Im Gegensatz zur Bulimia nervosa sind die Essanfälle nicht mit der regelmäßigen Anwendung von unangemessenem Kompensationsverhalten (z.B. abführende Maßnahmen, Erbrechen, exzessiver Sport) verbunden.

Ernährungsberatung:

Ernährungsberatung beschreibt das „kommunikative Wechselspiel“ zwischen Berater und Klient. Die wissenschaftlich begründeten Ernährungsempfehlungen und das Essverhalten des Klienten sollten angeglichen werden. Das Ziel besteht in einer „Hilfe zur Selbsthilfe“, wodurch der Klient befähigt wird seine Ernährung zu optimieren. Der Beratungsprozess sollte nach Pudel/Westenhöfer in 4 Schritten erfolgen:

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  1. Verhaltensdiagnose
    Hierbei wird geklärt, „wann und wo der Klient was isst und trinkt.“ Dies kann in einem Ernährungsprotokoll vom Klienten selbst erfasst werden bzw. mit Fragebögen, die spezielle Verhaltensaspekte erfassen wie z.B. die Kontrolle oder Störbarkeit des Essverhaltens.
  2. Zieldefinition:
    Nach der Verhaltensdiagnose kann eine auf den Klienten zugeschnittene Ist-Soll-Analyse gemacht werden. „Dieser Ist-Soll-Vergleich liefert der Ernährungsberatung die konkreten und quantitativ bestimmbaren Ziele, denen sich ein geändertes Essverhalten des Klienten annähern soll.“
  3. Zielhierarchie:
    Nach Verhaltensdiagnose und Zielplanung sollte mit dem Klienten eine Zielhierarchie festgelegt werden. Hierbei ist zu berücksichtigen, mit welchem Schwierigkeitsgrad seine Ziele zu verwirklichen sind und welche Prioritäten gesetzt werden.
  4. Maßnahmenplanung:
    Gemeinsam wird festgelegt, welche Verhaltensweisen der Klient verändern wird. Dabei ist das Prinzip der kleinen Schritte zu verfolgen. Die Maßnahmen sollten möglichst konkret (z.B. „essen Sie jeden Tag 4 Scheiben Vollkornbrot“ anstelle von „essen Sie ballaststoffreich“) und für den Klienten realisierbar sein. Pro Zeiteinheit (Tag/Woche/Monat) sollten nur wenige Vorsätze gefasst werden, um eine dauerhafte Verhaltensänderung herbeizuführen.
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Literatur: