Hyperaktivität

 

 

Als Hyperaktivität wird eine Auffälligkeit von Kindern bezeichnet, die durch starke Überaktivität geprägt ist. Hyperaktivität ist dabei keine eigenständige Erkrankung, sondern kann als Symptom in Folge verschiedener Erkrankungen auftreten. In diesem Zusammenhang werden eine ganze Reihe von Krankheitsbezeichnungen genannt:


In Amerika hat sich seit 15 Jahren der Ausdruck "Attention Deficit (Hyperactivity) Disorder (ADD)" durchgesetzt, der nun zunehmend weltweit zur Anwendung kommt. Nach heutiger Auffassung, die sich vor allem auf neuere Untersuchungen aus den USA stützt, ist die relativ häufig vorkommende Aufmerksamkeitsstörung (ADS) das Resultat einer biologischen Funktionsstörung im Bereich der Informationsverarbeitung zwischen einzelnen Hirnabschnitten.

Symptome und typische Störungen:

Die Störung beschränkt sich keineswegs nur auf das Kindesalter und das Erscheinungsbild ist vielfältig: Es reicht vom bekannten Zappelphilipp über brav träumerische Mädchen ("les enfants lunatiques"), depressiv orientierungslose Jugendliche, gewisse Suchtabhängige und Gesetzesbrecher, sowie unstete impulsive, aber auch depressive Erwachsene bis zum hochbrillanten zerstreuten Professor!
Als Hauptsymptome der ADS-STÖRUNG sind altersunabhängig folgende Merkmale immer vorhanden:


Diese Menschen sind also leicht ablenkbar, bleiben nie bei der Sache, führen nichts zu Ende, haben keine Ausdauer, hören nicht zu, vergessen rasch, lernen nicht aus begangenen Fehlern, haben Mühe Strategien zu entwickeln, etc..
Als Fakultative Symptome (durch mangelhafte Steuerungsmöglichkeiten) stehen im Vordergrund:

Motorische Hyperaktivität(kann auch fehlen!),
Dauernde (evtl. auch nur innere) Rastlosigkeit, ziellose Hyperaktivität, kein Stillsitzen, andauernde Zappeligkeit, evtl. verstärkter Rededrang, Nägelknabbern, Bemalen von Hefträndern, Beknabbern von Bleistiften, etc.

Impulsivität
Unvorhersehbares, unberechenbares Verhalten (Unfallgefahr!)

Erregbarkeit, Irritierbarkeit
Geringe Frustrationsintoleranz, starke Stimmungs-schwankungen, Empfindlichkeit gegenüber Kritik, rasches Weinen, große Störanfälligkeit, Wutausbrüche, Aggressivität

Mangelhafte emotionale SteuerungZunehmende Selbstwertstörung, fehlendes oder übersteigertes Einfühlungsvermögen, mangelnde Realitätskontrolle, Mutlosigkeit, Verleugnung von Schwierigkeiten, mangelnde Körperpflege, lange Zeit unreifes und kindisches Verhalten

Dissoziales Verhalten
Außenseiter, wenig Freunde, Streitsüchtigkeit, Schlagen und Raufen, Klassenclown, destruktiv bis kriminelles Verhalten (evtl. in Banden)
Alle diese Primärsymptome sind unterschiedlich ausgeprägt und sollten beim ADS-Patienten in der Regel vor dem 7. Lebensjahr aufgetreten sein und während mindestens 6 Monaten angedauert haben. Ähnlich vorrübergehende und meist reaktive Teilstörungen sind bekanntlich häufig und müssen von einem ADS deutlich abgegrenzt werden!
Zudem kommt es zu einer rascheren Ermüdung (d.h. der ADS-Patient kommt viel rascher in "Stress" mit evtl. plötzlichem "Black-out"). Bei vielen Lernprozessen sowohl im schulischen wie auch im sozialen Bereich zeigt sich die ADS-Störung im Bereich der Gedächtnisbildung mit einer auffallend langen Verarbeitungszeit.
Die Aufnahmekapazität im Bereich des Kurzzeitgdächtnisses ist erheblich vermindert und kann vor allem beim Erlernen des Lesevorganges und in der Rechtschreibung zu großen Schwierigkeiten führen. dDer ADS-Patient lernt im sozialen Bereich nicht aus begangenen Fehlern! Kompensatorisch zeigen aber viele ADS-Patienten z.T. erstaunliche Teilfähigkeiten (Bastler, Tüftler, Computerfreak, Schachgenie etc...) und eine feine Sensibilität/ Intuition, die die Diagnose ungemein erschweren können!


Ursachen:

Über die neurobiologische, d.h. primär organische Ursache des ADS besteht heute kaum mehr ein Zweifel. Ursächlich im Vordergrund steht wahrscheinlich eine bis heute noch nicht genau bekannte genetische Veranlagung, sind doch nicht selten Geschwister, Eltern oder andere Verwandte ebenfalls mehr oder weniger betroffen. Die früher angeschuldete perinatale Hirnschädigung ("Sauerstoffmangel" bei der Geburt) ist nur selten eindeutig die Ursache, Nahrungsmittelallergien oder -unverträglichkeiten können eventuell eine bestehend motorische Hyperaktivität verschlimmern, sind aber nicht die Ursache des ADS.
Man nimmt an, dass bei der Aufmerksamkeitsdefizitstörung im komplizierten Zusammenwirken verschiedener Hirnabschnitte im Bereich der Schaltstellen einzelner Hirnzellen (den Synapsen) die verantwortlichen Überträgerstoffe (Neurotransmitter) nicht optimal wirken, d.h. es handelt sich in einem gewissen Sinn um eine Stoffwechselstörung im intrazellulären Bereich. Moderne Untersuchungsmethoden (z.B. die PET = Positron-Emissions-Tomographie) des Gehirns haben entsprechend gezeigt, dass diese Funktionsstörungen vor allem in denjenigen Gehirnabschnitten vorkommen, die für die Aufmerksamkeit, Konzentration und Wahrnehmung, d.h. die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen und Sinneseindrücken verantwortlich sind, vorwiegend also in den so genannten Stammganglien und im Frontalhirn.
Für den ADS-Patienten ist es außerordentlich wichtig zu wissen, dass er primär nicht neurotisch, psychotisch, weniger intelligent, milieu- oder hirngeschädigt bzw. einfach faul ist (wie er dies z. T. immer wieder zu hören bekommen hat). Schon die Feststellung, dass er ein biologisch verursachtes Funktionsproblem im Bereich der Steuerung von Aufmerksamkeit und Wahrnehmung hat, ist für ihn als Erklärung seiner vielfältigen Probleme außerordentlich wichtig. Im Bereich der Aufmerksamkeitsleistung ist die Hinwendung auf eine bestimmte (häufig von außen geforderte!) Sache, das Fokussieren auf bzw. das Filtrieren bestimmter Wahrnehmungseindrücke gestört. Man kann sagen, dass primär eine Input"-Störung besteht, d.h. es wird weniger als normal aufgenommen, und dies wird sowohl langsamer als auch ungenauer verarbeitet.


Maßnahmen:

Da es sich beim ADS mit großer Wahrscheinlichkeit um eine eigentliche Stoffwechselstörung im Bereich des Neurotransmittersystems des zentralen Nervensystems handelt, sind sich heute eigentlich die meisten Fachleute darüber einig, dass in ausgeprägten Fällen in erster Linie eine medikamentöse Behandlung erforderlich ist.
Zudem gibt es zunehmend Hinweise, dass eine korrekt durchgeführte kontinuierliche Behandlung zu einer Nachreifung ( evtl. Ausheilung?) der ADS-Störung führen kann.
Die Stimulantien (v. a. Ritalin und d-Amphetamin) wirken im Bereich der Synapsen und verlängern dort die Wirkdauer der körpereigenen Neurotransmitter Dopamin, Noradrenalin und evtl. auch Serotonin. Die Funktion der nicht optimal wirkenden Neurotransmitter wird also normalisiert. Die Medikamentenmenge, sowie deren Wirkdauer ist von Patient zu Patient sehr unterschiedlich und muß individuell herausgefunden werden.
In einer mehrwöchigen Einstellphase der Behandlung sind bei Kindern Rückmeldungen bzgl. Wirkung durch die Lehrer und die Eltern überaus wichtig.
Da durch die medikamentöse Therapie die Wahrnehmungs-funktionen im weitesten Sinne normalisiert werden (das Gehirn bekommt eine "innere Brille"!), hat der ADS-Patient nun wie alle anderen auch die Voraussetzung, Verhaltensstrategien, soziale und andere Lernprozesse zu erlernen. Auch für ihn lohnt es sich, sich nun anzustrengen, die bisherigen Misserfolge bleiben nach und nach aus und die aufgebauten Vermeidungsstrategien verschwinden mit der Zeit. Vor allem dann, wenn relativ spät behandelt wird, können sich eingefahrene Verhaltensmuster in der Schule, Familie oder am Arbeitsplatz noch lange störend auswirken und müssen genau analysiert und vorwiegend verhaltestherapeutisch behandelt werden.
Während früher Medikationspausen am Wochenende und in den Ferien empfohlen wurden, ist nach heutigen Erkenntnissen eine kontinuierliche Behandlung vorzuziehen, da eine Nachreifung oder Ausheilung dieser Stoffwechselstörung bei genügend langer ununterbrochener Behandlung in vielen Fällen zu erwarten ist (es erfolgt dadurch ja wahrscheinlich eine normale "Vernetzung"). Zudem sind die sozialen Lernprozesse ja nicht nur auf die Schule oder den Arbeitsplatz beschränkt!

Nebenwirkungen der Stimulantientherapie bestehen v. a. in nicht bedrohlichen Appetitstörungen und im Einzelfall recht lästigen Einschlafstörungen. Spätschädigungen oder Abhängig-keiten sind auf Grund der langjährigen Erfahrung und Kenntnis dieser Behandlung nicht bekannt geworden. Bei korrekter Medikation profitieren die meisten ADS-Patienten, wobei das Ansprechen recht unterschiedlich ist. Da im Einzelfall erst ein Behandlungsversuch zeigt, ob und wie gut die Medikamente wirken, ist mitunter im Zweifelsfall ein entsprechender Versuch gerechtfertigt. Natürlich wird nur beim Vorliegen einer deutlichen ADS-Symptomatik medikamentös behandelt, wobei verschiedene Faktoren eine Rolle spielen können. Im Vordergrund steht der Leidensdruck des ADS-Patienten. Zu lange ist in vielen Fällen die Odysee nicht oder falsch behandelter, zu groß das Leid nicht oder zu spät erkannter Kinder oder Erwachsener, bzw. betroffener Familien. Da durch eine frühzeitige Behandlung häufig schwerwiegende Folgen vermieden oder vermindert werden können, ist die medikamentöse Therapie eigentlich auch eine vorbeugende Maßnahme.
Neben der medikamentösen Basisbehandlung sind häufig zusätzliche Maßnahmen und Therapien nötig, bzw. meist erst durchführbar! Je nach Alter kommen dabei v.a. in Frage:
in jedem Fall Aufklärung und Information über das ADS in Familie und Schule (Abbau von Schuldgefühlen, bisher "alles falsch gemacht" zu haben, endlich eine Erklärung, warum das vorhandene Potential so unerklärlich nicht ausgenützt werden kann!)

Beratung des Patienten sowie der Familie, v.a. Festlegen von Strukturen, festen Grenzen etc., für Jugendliche und Erwachsene eigentliches "Coaching" des Tagesablaufes Verhaltenstherapie:


Funktionelle Therapie:


Sonderpädagogische Maßnahmen, gezielte Berufsberatung


Das Reformhaus® und ADS:

Bis vor einigen Jahren wurden Ernährungsfaktoren im Zusammenhang mit ADS stark diskutiert. Insbesondere die negative Rolle der Phosphate und einiger Zusatzstoffe wurde stark betont. Nach heutigem Stand spielt die Ernährung weniger eineursächliche Rolle, vielmehr kann mit einer vollwertigen Ernährung nach den neuform-Qualitätsrichtlinien der Reformhaus eG die notwendige Therapie sinnvoll unterstützen werden. 

Wichtig ist dabei der Verzicht auf unnötige Zusatzstoffe wie z.B. synthetische Aroma-, Farb-, Konservierungsstoffe und Phosphate sowie eine Testung auf evtl. Lebensmittelallergien oder -unverträglichkeiten.



Literatur und Adressen:



---> Allergie, Zusatzstoffe