Personalisierte Ernährung

 

Unter personalisierter Ernährung wird eine Ernährungsweise verstanden, die die individuellen Reaktionen nach dem Verzehr von Lebensmitteln oder Mahlzeiten in den Mittelpunkt stellt und weniger auf allgemeingültigen Ernährungsregeln gründet.
Dies ist ein Trend in der Ernährungsberatung, der vor allem die Erkenntnisse der Nutrigenomik/Nutrigenetik einbezieht. Nach dem Slogan „Jeder Mensch is(s)t anders“ wird davon ausgegangen, dass Lebensmittel von Person zu Person unterschiedlich verdaut, verstoffwechselt und vertragen werden.

Geschichte der personalisierten Ernährung

Die Idee, dass sich Menschen je nach Konstitution und Veranlagung unterschiedlich ernähren sollten, gibt es bereits seit Jahrtausenden. Gesundheitslehren wie das indische Ayurveda oder die traditionelle chinesische Medizin beinhalten diesen Ansatz. So werden im Ayurveda drei Doshas als Basis von Konstitutionstypen beschrieben: Vata, Pitta und Kapha. Diese entsprechen in der westlichen Betrachtung Konstitutionstypen, die verschiedene Körperbautypen und Reaktionsmuster widerspiegeln. Je nach Konstitutionstyp werden „typische“ Reaktionsweisen beschrieben und Empfehlungen gegeben.In der europäischen Medizin stimmte man bis zum Zeitalter der Aufklärung Empfehlungen zu Medikamenten, Ernährung uns Lebensstil auf das "Temperament" der PatientInnen ab: Nach Hippokrates wurden Melancholiker, Choleriker, Sanguiniker und Phlegmatiker unterschieden.
In Deutschland ist Anfang des 20. Jahrhunderts das Konstitutionstypenmodell des Psychiaters Ernst Kretschmer bekannt geworden. Er beschrieb die Konstitutionstypen Astheniker/Leptosom, Athletiker und Pykniker. Die „Typgerechte Ernährung“ mit den drei Typen Empfindungs-, Bewegungs- und Entspannungstyp wurde von Küllenberg und Weber konzipiert. Sie ist eine zeitgemäße Weiterentwicklung des ayurvedischen Konzepts von Konstitution und Ernährung.

Basis der personalisierten Ernährung

Die wissenschaftliche Erforschung der personalisierten Ernährung basiert auf folgenden Forschungsfeldern, die anschließend näher erklärt werden:
•    Nutrigenetik/Nutrigenomik
•    Epigenetik
•    Genexpresion

Unter Nutrigenetik bzw. Nutrigenomik werden die Wechselwirkungen zwischen den Genen eines Menschen und seiner Ernährung verstanden. Dabei sind 99,7 % der Gene aller Menschen identisch. Jeder Mensch besitzt 3 Milliarden Basenpaare, in denen einzelne Nukleinbasen variieren. Die sogenannten SNIPs (Single nucleotide polymorphisms) sind die Grundlagen für genetische Variationen und Gegenstand der nutrigenetischen Forschung. Beispiele für solche Variationen (Allele) sind das Laktose-Gen, das für die Spaltung des Milchzuckers codiert, oder bestimmte Genvarianten, die mit einem erhöhten Risiko für Übergewicht (FTO-Gen) in Verbindung gebracht werden.
Neben den Genen sind auch „Genschalter“ ausschlaggebend. Sie schalten bestimmte Gene an oder ab. Dadurch kann die in den Genen hinterlegte Information zum Aufbau von Enzymen, Hormonen und anderen Molekülen für den Stoffwechsel abgelesen werden – oder nicht. Das entsprechende Forschungsfeld ist die Epigenetik. Sie befasst sich mit der Frage, welche Umweltfaktoren die Aktivität eines Gens beeinflussen. So fand man z.B. heraus, dass durch Hungerphasen oder Phasen längerer Überernährung bestimmte Gene aktiviert oder abgeschaltet werden können.
Genexpression: Gene müssen abgeschrieben (transkribiert) und vervielfältigt (exprimiert) werden, damit ihre Informationen umgesetzt werden können, das heißt auch die Genexpression mit Hilfe von Transportstrukturen (mRNA = messenger RNA) ist wichtig. Das Forschungsfeld der Genexpression, also die Art und Weise wie die Information der Gene weitergegeben wird, zählt ebenfalls zur personalisierten Ernährung.

Weitere Einflussfaktoren

Neben Genetik, Epigenetik und Genexpression spielt auch die Proteomik eine Rolle, also welche Proteine von den Zellen gebildet werden. Die Proteomik ist die Wissenschaft von der systematischen Analyse des vollständigen Proteoms (Ausstattung mit Proteinen) einer Zelle oder eines Gewebes. Die Proteinmuster von Geweben oder Zellen unterscheiden sich von Mensch zu Mensch erheblich. Auf Basis des persönlichen Proteinmusters können Rückschlusse z.B. auf ein bestimmtes Krankheitsrisiko gezogen werden.
Ebenso können Metabolite, also die Produkte enzymatischer Aktivität, entscheidende Hinweise auf den „Stoffwechseltyp“ eines Menschen geben. Voraussetzung für die Erforschung der Metabolomik sind große Fortschritte im Bereich der Labortechnologien und der Datenspeicherung. Ein konkretes Beispiel für die Metabolomik ist das Metaboliten-Muster im Blut von Probanden, die bestimmte Milchprodukte verzehrt hatten. Bei einem Teil der Probanden konnten Stoffe gemessen werden, die Einfluss auf Entzündungsvorgänge im Körper nehmen. Mit anderen Worten: es kann getestet werden, welche Lebensmittel wünschenswerte oder möglicherweise schädigende Effekte im menschlichen Körper auslösen können.

Individuelle Blutzuckerreaktionen

Eine Wissenschaftlergruppe des israelischen Weizmann-Instituts hat bei 8000 Menschen über 46.000 Mahlzeiten im Hinblick auf die jeweilige Blutzuckerantwort untersucht. Überraschend für die Forscher waren die sehr unterschiedlichen Blutzuckerreaktionen auf die verabreichten Lebensmittel, die sich kaum mit den in Lehrbüchern beschriebenen Reaktionsmustern deckten. Der erwartete starke Blutzuckeranstieg nach dem Verzehr von Weißmehlprodukten und/oder Zucker blieb bei einigen Probanden völlig aus, während als „gesund“ bewertete Lebensmittel zu einem starken Blutzuckeranstieg führten. Die Forscher entwickelten daraufhin individuelle Algorithmen, mit deren Hilfe sie die Ernährung hinsichtlich des Blutzuckerprofils individualisieren konnten. Die personalisierte, auf das Individuum zugeschnittene Ernährung führte zu geringeren Blutzuckerschwankungen. Spitzen im Blutzuckerprofil und damit einhergehende Gefäßbelastungen konnten weitestgehend vermieden werden. Es zeigten sich außerdem positive Effekte auf die Zusammensetzung der Darmbakterien, also der Mikrobiota.

Individuelles Mikrobiom

Die Individualität des menschlichen Mikrobioms ist lange bekannt. Die Art der Ernährung nimmt großen Einfluss auf die Zusammensetzung des Mikrobioms. Eine große Rolle spielen die Quantität und die Qualität der Ballaststsoffe sowie die prozentuale Zusammensetzung der Makronährstoffe Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate. Sehr wahrscheinlich bedingen auch Mikronähstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe Zusammensetzung und Aktivität der Mikrobiota, was wiederum Einfluss auf den "Wirt", den Menschen, hat. Kommerzielle Anbieter empfehlen auf Basis einer Stuhldiagnostik Pre-, Pro-, oder Synbiotika. Aus Patienten-eigenem Stuhl werden individuell zugeschnittene Bakterienpräparate als Auto-Vaccine gewonnen. 

Sinn und Unsinn kommerzieller Testverfahren

Wissenschaftlich besteht kein Zweifel daran, dass sich Menschen aufgrund ihrer Genetik, ihrer Proteomik, ihrer Metabolomik und hinsichtlich ihres Mikrobioms deutlich unterscheiden.
In der Ernährungslehre werden mit Begriffen wie „responder“ oder „non responder“ bzw. „sensitiv“ oder „nicht sensitiv“ Phänome beschrieben wie z.B. die Reaktion auf Cholesterin haltige oder Salz haltige Lebensmittel.
Bei Menschen, die als „non responder“ in Bezug auf Cholesterin bezeichnet werden, beeinflusst der Cholesteringehalt der verzehrten Lebensmittel den Blutcholesterinspiegel so gut wie nicht. Auch bei „nicht Natrium sensitiven“ Menschen erhöht Kochsalz (Natriumchlorid) den Blutdruck nicht. Bei „Natrium sensitiven“ Menschen dagegen führt eine erhöhte Kochsalzaufnahme zwangsläufig zu einem erhöhten Blutdruck.
Daher scheint es zunächst durchaus sinnvoll, auf Basis individueller Testverfahren personalisierte Ernährungsempfehlungen vorzunehmen. Solche Testverfahren werden schon lange angeboten und bestimmen z.B. ob Menschen ein Fett-, Eiweiß- oder Kohlenhydrattyp sind. Je nach Makronährstofftyp verträgt der eine Mensch Kohlenhydrate angeblich besser, der andere Eiweiß oder Fett. Auf der Grundlage gendiagnostischer Tests werden personalisierte Empfehlungen zu Ernährungs- und Lebensstil gegeben.

Eine kritische Betrachtung dieser häufig kostspieligen Verfahren ist angebracht. Die Menge möglicher Genvarianten (SNIPs) ist enorm und selten erklärt nur eine Genvariante eine bestimmte Gesundheitsproblematik wie z.B. Diabetes oder Übergewicht. Es sind zahlreiche genetische Varianten bekannt, die die Verstoffwechselung von Makro- und Mikronährstoffen beeinflussen. Hinzu kommen epigenetische Faktoren, die in erster Linie vom Lebensstil und damit vom Bewegungs- und/oder Ernährungsverhalten abhängig sind.

Nach derzeitigem Stand der Wissenschaft „fehlen bislang verlässliche Belege, dass für normale Verbraucher eine individualisierte Ernährung vorteilhaft wäre“ so Susanne Klaus vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung.  Aus Gentests können zudem keine eindeutigen Vorhersagen getroffen werden.

Intuitives Körpergefühl

Einen auf die Intuition beim Essen beruhenden Ansatz vertritt der Ernährungswissenschaftler Udo Knop. Auch er konstatiert das Phänomen der gänzlich unterschiedlichen Reaktion auf den Verzehr des gleichen Lebensmittels bei verschiedenen Menschen. Nach Knop gibt es keine „gesunden“ oder „ungesunden“ Lebensmittel, da es nach der „3 V-Regel – Verdauung, Verwertung und Verträglichkeit“ grundsätzlich keine allgemeingültigen Reaktionsweisen gibt.
Beim intuitiven Ansatz soll die Körperwahrnehmung nach dem Lebensmittelverzehr intensiv beobachtet und Mahlzeiten nach dem „Wohlfühleffekt“ bewertet werden. Menschen sollen in die Lage versetzt werden, selbst zu beobachten, wie gut ihnen bestimmte Lebensmitte oder Mahlzeiten bekommen und wieviel Energie sie daraus schöpfen. Die Grundlage einer gesunden Ernährung bildet beim intuitiven Essen daher die persönliche Körperwahrnehmung.
Kritiker dieses intuitiven Ansatzes argumentieren mit einer „gestörten Körperwahrnehmung“ der meisten Menschen. Diese konsumierten hauptsächlich industriell stark verarbeitete Lebensmittel mit hohen Fett-, Salz- und Zuckeranteilen. Der intuitive Ansatz mag bei einem hohen Anteil naturbelassener und vollwertiger, schonend verarbeiteter Lebensmittel greifen, nicht aber bei überwiegend stark verarbeiteten Lebensmitteln.

Literatur

⇒Ayurveda, Cholesterin, Diabetes, Epigenetik, Laktose, Mikrobiom, Natrium, Nutrigenetik, Prebiotika, Probiotika, TCM-Ernährung, Typgerechte Ernährung, Übergewicht, Zucker