Laborfleisch (In-vitro-Fleisch)

Unter Laborfleisch bzw. In-vitro-Fleisch versteht man die Erzeugung von Fleisch aus tierischen Stammzellen. Damit wird es möglich Fleisch und Fleischerzeugnisse ohne die gravierenden Nachteile der Massentierhaltung zu erzeugen. 

Forscher und Unternehmer experimentieren weltweit an In-vitro-Fleisch.

Herstellung von Laborfleisch (In-vitro-Fleisch)

Die Methodik der Erzeugung von In-vitro-Fleisch ist der Regenerationsmedizin entliehen. Der Fachbegriff für die Entwicklung neuen Gewebes ist "Tissue Engineering". Nötig ist ein Spenderorganismus, dem mittels einer Muskelbiopsie Stammzellen entnommen werden. Aus den Zellen eines einzelnen Rindes könnten durch dieses Verfahren 175 Millionen Quarter-Pounder – gemeint sind Hamburger mit 113 g Fleischeinlagegewicht vor Zubereitung –  erzeugt werden. Zum Vergleich: Bei der Herstellung der gleichen Menge aus konventioneller Tierhaltung bräuchte man hierzu 440.000 Rinder.

Die Stammzellen werden nach Entnahme in einem Nährmedium zu weiterer Differenzierung angeregt. Aus Myoblasten entwickeln sich Myotuben, die über zu Myofibrillen zu „echten“ Muskelfasern zusammenwachsen. Diese bilden die Basis für die gewünschten Fleischerzeugnisse.

Um einen handelsüblichen Hamburger herzustellen werden ca. 20.000 kleiner Muskelfaserstränge benötigt.  An wichtigen Problemstellungen wie z.B. dem typischen blutigen und metallischem Fleischgeschmack, der Konsistenz, der originalgetreuen Nachbildung des Muskelproteins Myoglobin und vielen weiteren Detailfragen wird intensiv geforscht.

Ein erster Fleisch-Burger aus Rinderstammzellen wurde im Jahr 2013 von Mark Post und Kollegen von der Universität Maastricht entwickelt. Eine Produktion im großen Maßstab ist derzeit noch nicht möglich, aber mehrere Unternehmen beschäftigen sich mit der Erzeugung von In-vitro-Fleischerzeugnissen zu marktüblichen Preisen. 

Skeptiker der In-vitro-Fleisch Produktion sehen in folgenden Punkten die stärkste Herausforderung für die kostengünstige Massenherstellung und Verbraucherakzeptanz:

  • Geeignete Nährmedien möglichst aus nicht tierischer Quelle
  • Geeignete „Gerüststoffe“, an denen sich die Muskelzellen vermehren können, eine Voraussetzung zur Erzeugung dickerer Fleischstücke
  • Die Entwicklung großer Bioreaktoren
  • Verfahren, um nicht nur Muskelzellen, sondern auch Fettzellen zu vermehren, die insbesondere für den typischen Geschmack wichtig sind.

Problematik des hohen Fleischverzehrs

Die heutige Fleischerzeugung und der Fleischkonsum wirken sich  äußerst schädlich auf die Umwelt aus. Hinzu kommen negative Folgen für die Gesundheit und das Tierwohl. 

18 % der weltweit vom Menschen verursachten Emissionen von Treibhausgasen entstehen durch die Nutztierhaltung. Einen großer Teil entsteht durch Brandrodung von (Tropen-)Wäldern für Futtermittelanbau und Weideland. Dazu kommen Lachgas aus dem Einsatz von Düngemitteln zum Futtermittelanbau sowie Methan aus dem Verdauungsapparat der Wiederkäuer. 

Bis 2050 wird die weltweite Fleischnachfrage nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschafts-organisation der Vereinten Nationen (FAO) um 73 % steigen. Bereits jetzt werden 70 % der globalen Farmflächen für den Viehbestand genutzt.

Im Vergleich zu pflanzlichen Nahrungsmitteln verbraucht Fleisch viel mehr Fläche und viel mehr Ressourcen wie Wasser und Energie. Wenn Menschen Fleisch statt pflanzlicher Lebensmittel essen, entstehen mehr Treibhausgase. Bei einem CO2-Ausstoß von 11,5 to pro Person und Jahr fallen rund 1,8 to im Bereich Ernährung an. Hier könnten fünfzehn bis zwanzig Prozent eingespart werden!

Projekt „Visionen von in vitro-Fleisch (VIF)"

In-vitro-Fleisch wird als umweltschonende, tierfreundliche und gesündere Alternative zu herkömmlichem Fleisch dargestellt.  Das Projekt mit dem Titel „Visionen von In-vitro-Fleisch (VIF) – Analyse der technischen und gesamtgesellschaftlichen Aspekte und Visionen von In-vitro-Fleisch“ wird seit Oktober 2015 am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) durchgeführt und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Das Projekt widmet sich der Beantwortung der Frage, was die naturwissenschaftlichen, technischen, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Aspekte der Leitbilder und Visionen der heutigen In-vitro-Fleisch-Forschung sind. Die Ergebnisse sollen Hinweise für Forschungspolitik und Regierungsentscheidungen liefern. Das Projekt umfasst folgende Arbeitsgebiete:

  1. Literaturanalyse zum Stand von Forschung sowie Chancen, Risiken und Herausforderungen
  2. Zwölf Experten- und Stakeholder-Interviews zur Definition von Anspruchsgruppen (Stakeholdern): Alle Personen, Gruppen oder Institutionen, die von den Aktivitäten eines Unternehmens direkt oder indirekt betroffen sind oder die irgendein Interesse an diesen Aktivitäten haben.
  3. Analyse der ethischen Aspekte der Leitbilder und Visionen von In-vitro-Fleisch auf der Grundlage der vorangegangenen Aufgaben.

Argumentation für in-vitro-Fleisch

Die Innovatoren, also diejenigen, die an In-vitro-Fleisch forschen oder diese Forschung unterstützen, stellen die Behauptung in den Vordergrund, dass In-vitro-Fleisch eine plausible technologische Lösung für die aktuell bestehenden Probleme der heutigen Fleischproduktion und des Fleischkonsums sei. Im Wesentlichen verläuft die Argumentationskette wie folgt: 

Die heutige Fleischproduktion und der Fleischkonsum sind ethisch, gesundheitlich und ökologisch äußerst bedenklich/schädlich.
Nachhaltige Alternativen zur heutigen Fleischproduktion müssen entwickelt werden.
In-vitro-Fleisch ist ein plausibler Ansatz. Andere Alternativen sind ein globaler Trend zum Veganismus/Vegetarismus oder die Verwendung von aktuell nicht gebräuchlichen Proteinquellen aus Pflanzen bzw. Insekten.
Ein globaler Trend zu einer Ernährung, die überwiegend vegan/vegetarisch geprägt ist, ist nicht zu erwarten; im Gegenteil, die Nachfrage nach Fleischprotein steigt angesichts der weltwirtschaftlichen Entwicklung.

 

In-vitro-Fleisch verspricht am ehesten eine Lösung, da es „echtem“ Fleisch sehr nahe kommt. 

Pro und Contra In-vitro Fleisch 

Argumente für In-vitro-Fleisch

  • Kommt echtem Fleisch sehr nahe, ohne die negativen Folgen der Massentierhaltung
  • Fördert die Entwicklung zu einer Gesellschaft ohne Tierausbeutung
  • Eine Halbierung des aktuellen Fleischkonsums und eine vermehrte ökologische Erzeugung sind unrealistische Szenarien. Daher kann nur In-vitro-Fleisch die Lösung für die Problematik der Massentierhaltung sein
  • Der globale Flächenbedarf könnte um 99 % gesenkt werden, wenn ein vollständiger Umstieg auf In-vitro-Fleisch erfolgt

Argumente gegen In-vitro-Fleisch

  • Verschärft die Entfremdung von Konsumenten und der Erzeugung tierischer Lebensmittel weiter
  • Fleischerzeugung wird noch weiter industrialisiert
  • es handelt sich um einen künstlichen Prozess, quasi ein „Klonen im Kleinen“
  • Wird mit Gentechnik und anderen umstrittenen Technologien verknüpft und findet daher keine Massenakzeptanz

Literatur

  • Böhm, I., Woll, S.: In-vitro-Fleisch: Eine Lösung der Probleme der Fleischproduktion und des Fleischkonsums? Ernährungs-Umschau 1/2018 M 24-33
  • Slapke, T.: Hackfleisch aus der Petrischale; VAA Magazin Dezember 2017
  • www.invitrofleisch.info